Wer vor uns hier wohnte – die Geschichte des Hauses August-Bebel-Straße 7
Ein Haus von 1764 hat viele Leben gelebt, bevor wir es übernommen haben. Wir wollten wissen, wer vor uns hier wohnte – und sind dabei auf eine Geschichte gestoßen, die uns nicht mehr losgelassen hat. Sie beginnt nicht in Herrnhut, sondern im Krieg in Dresden.
Die Geschichte des Hauses im Überblick
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1723
Eine Geburt im Amt Stolpen
Anna Rosine, geborene Ziegenbalg, kommt am 31. Dezember im Amt Stolpen zur Welt. Sie wird später die erste Bewohnerin dieses Hauses sein.
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1760
Flucht aus Dresden
Im Kriegsjahr verliert sie als Witwe Kaulfuß ihren gesamten Besitz. Am 27. November kommt sie mit ihrer ganzen Hausfamilie nach Berthelsdorf, wo sie liebreich aufgenommen wird.
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1761
Heirat mit dem Schneider Böhlo
Am 9. April heiratet Anna Rosine den Schneider Böhlo und beginnt einen neuen Lebensabschnitt.
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1762
Geburt der Tochter
Am 26. April wird ihre Tochter Anna Elisabeth geboren.
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1764
Das Haus entsteht
Der Frauenschneider Böhlo errichtet das Haus. Am 6. April erhält das Paar die Erlaubnis, nach Herrnhut zu ziehen, am 3. Dezember bezieht es das fertiggestellte Haus.
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1768
Ein Goldsticker im Haus
Auch der Goldsticker Köper wohnt in dieser Zeit hier.
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1773
Abschied von Anna Rosine
Am 15. November stirbt Anna Rosine in Herrnhut, im Alter von 49 Jahren. Die Brüdergemeine widmet ihr einen gedruckten Lebenslauf, der 1774 in den Gemein-Nachrichten erscheint.
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1790
Ein Arzt kauft das Haus
Dr. J. P. Massalien erwirbt das Haus. Von seinen Erben geht es später an den Tischler Johann Daniel Rinne über.
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19. Jh.
Wechselnde Hände
Nach dem Tischler Rinne kommt das Haus an dessen Tochter, die Witwe des Handlungsdirektors Fabricius.
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um 1900
Das „Kummersche Haus“
Der Bücherrevisor Kummer prägt das Haus über Jahrzehnte so sehr, dass es nach ihm benannt wird.
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2020
Ein neuer Anfang als Hephatah-Haus
Das Haus wird von Familie Hoffrichter übernommen und wieder zu einem Ort der Begegnung. Der Name Hephatah, „Öffne dich“, knüpft an seine Geschichte von Gastfreundschaft und Neuanfang an.
Ein Eintrag von 1922

1922 wurde zum 200 jährigen Jubiläum von Herrnhut ein Buch herausgegeben, welches fast jedes Haus des Ortes verzeichnet: Theodor Bechlers „Ortsgeschichte von Herrnhut", erschienen 1922 in der Missionsbuchhandlung. Über unser Haus, damals als Nummer 49 geführt, steht dort:
„Nr. 49. Bücherrevisor Kummer. 1764 erbaut vom Frauenschneider Böhlo, der 1760 nach dem Bombardement von Dresden, bei dem seine Wohnung eingeäschert war, mit seiner Meisterin, der Witwe Kaulfuß, nach Berthelsdorf geflüchtet war. 1768 wohnte auch Goldsticker Köper hier. 1790 kaufte das Haus Dr. J. P. Massalien, von dessen Erben es Tischler Joh. Dan. Rinne erhielt. Dann die Witwe von Handlungsdirektor Fabricius geborne Rinne."¹
Vier dürre Sätze. Aber hinter dem Namen „Witwe Kaulfuß" verbirgt sich eine ganze Lebensgeschichte – und wir konnten sie sogar bis zur Originalquelle zurückverfolgen.


Stimmungsbilder Stadtbild und Shneiderei um 1770 (KI-generiert)
Die Frau, auf der Flucht - Anna Rosine Kaulfuß -> Böhlo
Sie hieß Anna Rosine, geboren am 31. Dezember 1723 im Amt Stolpen.² Ihr Mädchenname war Ziegenbalg – derselbe Name wie der von Bartholomäus Ziegenbalg (1683–1719) aus Pulsnitz, dem ersten evangelischen Missionar in Indien.³ Ob sie verwandt waren, ist nicht belegt; beide stammten aus derselben Gegend der Lausitz.
Anna Rosines Eltern zogen als Pächter nach Wohlau bei Elster. Eine Frau von Döhler sorgte dort für ihre Erziehung und nahm sie in ihre Dienste. Später kam sie als Kindermädchen zu den beiden Töchtern einer Hauptmannsfamilie von Sack.⁴
Ihre Hinwendung zum Glauben beschreibt der Lebenslauf in einer berührenden Szene: Als die ältere der Töchter mit einer Verwandten über ihren „Herzens-Zustand" sprach und beide sich unbeobachtet glaubten, kam Anna Rosine mit Tränen hinzu und sprach ihr eigenes Verlangen aus, ein „Eigenthum Jesu Christi zu werden".⁵
Dann kam der Krieg. Hier weichen die Quellen voneinander ab: Bechler schreibt 1922 vom „Bombardement von Dresden".⁶ Der zeitgenössische Lebenslauf von 1774 nennt jedoch einen anderen Anlass – die Schlacht bei Torgau im November 1760, bei der „alles, was nur konnte", aus der Stadt floh. So kam Anna Rosine am 27. November 1760 mit ihrer ganzen Hausfamilie nach Berthelsdorf, wo sie, wie es heißt, „liebreich aufgenommen wurde".⁷ Beide Ereignisse gehören zum selben Kriegsjahr; die ältere Quelle ist hier die genauere.
Man riet ihr, nach Dresden zurückzukehren. Ihre Antwort ist überliefert: Sie wolle lieber „mit ihren Kindern auf das kümmerlichste leben, als das Volck Gottes wieder zu verlaßen".⁸
Ein neuer Anfang in Herrnhut
Am 9. April 1761 heiratete Anna Rosine den Schneider Böhlo. Ein Jahr später, am 26. April 1762, wurde ihre Tochter Anna Elisabeth geboren.⁹ Und am 6. April 1764 erhielten die beiden die Erlaubnis, nach Herrnhut zu ziehen. Am 3. Dezember 1764 bezogen sie ihr fertiggestelltes Haus¹⁰ – unser Haus.
An einer Stelle bleibt die Quellenlage offen. Bechler nennt die Witwe Kaulfuß Böhlos „Meisterin", als hätte sie ihm als Schneiderin vorgestanden.¹¹ Der Lebenslauf von 1774 spricht schlicht von der Heirat und dem gemeinsamen Hausbau.¹² Vielleicht stimmt beides: eine Frau, die im Handwerk eigenständig war, und ein Mann, der an ihrer Seite arbeitete. Für das 18. Jahrhundert wäre das ungewöhnlich – aber die Brüdergemeine war in vielem ungewöhnlich, gerade was die Stellung der Frauen anging.¹³
Schon ihr früheres Haus in Dresden war ein offener Ort gewesen, ein Mittelpunkt der dortigen Brüdergemeine, in dem durchreisende Geschwister unterkamen.¹⁴ Anna Rosine starb am 15. November 1773 in Herrnhut. Die Brüdergemeine widmete ihr einen gedruckten Lebenslauf, wie es damals üblich war – ihm verdanken wir, dass wir heute so viel über sie wissen.

Gemälde von Ehepaar Kummer ca. 1910
Die, die nach ihr kamen
Nach Anna Rosine zogen andere durch das Haus. 1768 wohnte ein Goldsticker namens Köper hier. 1790 kaufte es Dr. J. P. Massalien, ein Arzt. Von dessen Erben ging es an den Tischler Johann Daniel Rinne, später an dessen Tochter, die Witwe des Handlungsdirektors Fabricius. Und schließlich an jenen Bücherrevisor Kummer, nach dem das Haus über Jahrzehnte das „Kummersche Haus" hieß.¹³
Über diese Menschen wissen wir bisher wenig mehr als ihre Namen und Berufe. Wer Hinweise hat, darf sich gerne bei uns melden.
Warum uns das wichtig ist
Als wir das Haus 2020 anvertraut bekamen, war es kein leeres Gefäß. Es trug schon eine Geschichte in sich – von Flucht und Neuanfang, von Gastfreundschaft und Glauben. Anna Rosine kam aus einer kriegszerstörten Stadt und baute hier etwas Neues auf. Ihr Dresdner Haus war ein offener Ort gewesen, an dem Menschen zusammenfanden.
Dass wir dieses Haus heute Hephatah nennen – „Öffne dich" – und es wieder zu einem Ort der Begegnung machen wollen, fühlt sich nach all dem weniger wie eine Erfindung an. Eher wie das Fortführen von etwas, das hier schon einmal da war.
Anmerkungen
¹ Theodor Bechler: Ortsgeschichte von Herrnhut mit besonderer Berücksichtigung der älteren Zeit. Herrnhut: Verlag der Missionsbuchhandlung 1922, Eintrag Nr. 49 [Seitenzahl am Original zu ergänzen].
² „Lebenslauf der Anna Rosiene Böhloin, verwittwete Kaulfusin geb. Ziegenbalg", in: Gemein-Nachrichten. Beylagen 1774,3, hrsg. von der Herrnhuter Brüdergemeine, No. IV, S. 392–396, hier S. 392.
³ Vgl. Art. „Ziegenbalg, Bartholomäus", in: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB), sowie Meyers Konversations-Lexikon 1888. Eine Verwandtschaft mit Anna Rosine Ziegenbalg ist in den herangezogenen Quellen nicht belegt.
⁴ Lebenslauf 1774 (wie Anm. 2), S. 392.
⁵ Ebd., S. 392 f.
⁶ Bechler 1922 (wie Anm. 1).
⁷ Lebenslauf 1774 (wie Anm. 2), S. 393 f. Die Schlacht bei Torgau fand am 3. November 1760 statt.
⁸ Ebd., S. 394.
⁹ Ebd.
¹⁰ Ebd. („Anno 64. d. 6.ten Apr. erhielten sie Erlaubniß nach Herrnhut zu ziehen, u. d. 3.ten Dec. zogen sie in ihr fertig gewordenes Haus.").
¹¹ Bechler 1922 (wie Anm. 1).
¹² Lebenslauf 1774 (wie Anm. 2), S. 394.
¹³ Zur Stellung der Frauen in der Brüdergemeine vgl. Wolfgang Breul (Hrsg.): Die Herrnhuter Brüdergemeine im 18. und 19. Jahrhundert. Theologie – Geschichte – Wirkung (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2023.
¹⁴ Vgl. Art. „Herrnhuter Brüdergemeine Dresden", in: Stadtwiki Dresden, gestützt auf den Lebenslauf von 1774.
¹⁵ Bechler 1922 (wie Anm. 1).
Quellen- und Literaturverzeichnis
Zeitgenössische Quellen
„Lebenslauf der Anna Rosiene Böhloin, verwittwete Kaulfusin geb. Ziegenbalg", in: Gemein-Nachrichten. Beylagen 1774,3. Hrsg. von der Herrnhuter Brüdergemeine. No. IV, S. 392–396. Digitalisat: Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/Gemein-Nachrichten_-_Beylagen_1774,3:_No._IV [Abrufdatum: 30.05.2026].
Literatur
Bechler, Theodor: Ortsgeschichte von Herrnhut mit besonderer Berücksichtigung der älteren Zeit. Herrnhut: Verlag der Missionsbuchhandlung 1922.
Breul, Wolfgang (Hrsg.): Die Herrnhuter Brüdergemeine im 18. und 19. Jahrhundert. Theologie – Geschichte – Wirkung (Arbeiten zur Geschichte des Pietismus). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2023.
Internetquellen
Art. „Herrnhuter Brüdergemeine Dresden", in: Stadtwiki Dresden. URL: https://www.stadtwikidd.de/wiki/Herrnhuter_Brüdergemeine_Dresden
